Der Wolf – Freund oder Feind?

Der Wolf vor der Sesshaftwerdung – ein Verwandter, kein Feind Mensch und Wolf besetzten über lange Zeiträume ähnliche ökologische Nischen: Beide…

Der Wolf vor der Sesshaftwerdung – ein Verwandter, kein Feind

Mensch und Wolf besetzten über lange Zeiträume ähnliche ökologische Nischen: Beide jagten kooperativ, lebten in stabilen Sozialverbänden, teilten Territorien und nutzten vergleichbare Beutetiere.

In den voragrarischen Gesellschaften des Paläolithikums und frühen Mesolithikums wurde der Wolf nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als ökologischer Verbündeter und sozialer Verwandter. Archäologische Funde, ethnologische Vergleiche mit heutigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften sowie verhaltensbiologische Analysen legen nahe, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Wolf ursprünglich von Koexistenz, Beobachtung und gegenseitigem Respekt geprägt war.

Forschende wie Kurt Kotrschal betonen, dass diese strukturellen Parallelen eine besondere Form der Wahrnehmung begünstigten: Der Wolf wurde nicht als „das Andere“, sondern als vergleichbares Wesen erkannt – als ein Tier mit Intention, Strategie und sozialer Ordnung.

Der Wolf als Lehrer und Beobachtungsobjekt

Aus verhaltensbiologischer Sicht ist es plausibel, dass frühe menschliche Gruppen Wölfe aufmerksam beobachteten, um Rückschlüsse auf Beutewanderungen, Jagdstrategien und Landschaftsdynamiken zu ziehen. Der Wolf fungierte dabei weniger als Konkurrent denn als Indikator für ökologische Zusammenhänge. Studien zur Koevolution von Mensch und Wolf gehen davon aus, dass diese lange Phase des Nebeneinanders die Grundlage für die spätere Domestikation des Hundes bildete – ein Prozess, der auf freiwilliger Annäherung und Selektion sozial toleranter Wölfe beruhte.
 
Diese frühe Beziehung war nicht utilitaristisch im modernen Sinne, sondern eingebettet in animistische Weltbilder, in denen nicht nur Tiere als beseelte Wesen galten. Ethnoökologische Forschung zeigt, dass der Wolf in vielen frühen Kulturen als Ahnenwesen, Geisttier oder Grenzgänger zwischen den Welten verstanden wurde – nicht als Objekt, sondern als Gegenüber.

Respekt statt Dämonisierung

Archäologische Befunde zeigen zudem, dass Wolfsüberreste in rituellen Kontexten vorkamen, was auf eine symbolische Wertschätzung hinweist.

Vor der Etablierung fester Besitzverhältnisse und Nutztiere gab es keinen Anlass zur systematischen Verfolgung des Wolfs. Jagd auf Wölfe fand, wenn überhaupt, situativ statt und diente der Selbstverteidigung oder der Nutzung einzelner Ressourcen, nicht aber der Ausrottung. 

Die Forschung macht deutlich: Erst mit der Sesshaftwerdung, der Entstehung von Eigentum an Land und Tieren sowie der moralischen Trennung von „Kultur“ und „Wildnis“ wandelte sich das Bild des Wolfs grundlegend. Der zuvor respektierte Mitjäger wurde zum Störfaktor eines menschengemachten Systems.

In der frühesten Phase der Menschheitsgeschichte war der Wolf weder Dämon noch Schädling, sondern Teil eines geteilten Lebensraums und eines gemeinsamen evolutionären Weges. Die negative Konnotation entstand nicht aus dieser ursprünglichen Beziehung, sondern aus späteren gesellschaftlichen Umbrüchen.
 
Der Wolf erinnert uns bis heute an eine Zeit, in der der Mensch sich noch als Teil der Natur verstand – nicht als ihr Gegenüber.

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