Der Wolf vor der Sesshaftwerdung – ein Verwandter, kein Feind
Mensch und Wolf besetzten über lange Zeiträume ähnliche ökologische Nischen: Beide jagten kooperativ, lebten in stabilen Sozialverbänden, teilten Territorien und nutzten vergleichbare Beutetiere.
In den voragrarischen Gesellschaften des Paläolithikums und frühen Mesolithikums wurde der Wolf nicht als Bedrohung wahrgenommen, sondern als ökologischer Verbündeter und sozialer Verwandter. Archäologische Funde, ethnologische Vergleiche mit heutigen Jäger-und-Sammler-
Forschende wie Kurt Kotrschal betonen, dass diese strukturellen Parallelen eine besondere Form der Wahrnehmung begünstigten: Der Wolf wurde nicht als „das Andere“, sondern als vergleichbares Wesen erkannt – als ein Tier mit Intention, Strategie und sozialer Ordnung.
Der Wolf als Lehrer und Beobachtungsobjekt
Respekt statt Dämonisierung
Archäologische Befunde zeigen zudem, dass Wolfsüberreste in rituellen Kontexten vorkamen, was auf eine symbolische Wertschätzung hinweist.
Vor der Etablierung fester Besitzverhältnisse und Nutztiere gab es keinen Anlass zur systematischen Verfolgung des Wolfs. Jagd auf Wölfe fand, wenn überhaupt, situativ statt und diente der Selbstverteidigung oder der Nutzung einzelner Ressourcen, nicht aber der Ausrottung.
Die Forschung macht deutlich: Erst mit der Sesshaftwerdung, der Entstehung von Eigentum an Land und Tieren sowie der moralischen Trennung von „Kultur“ und „Wildnis“ wandelte sich das Bild des Wolfs grundlegend. Der zuvor respektierte Mitjäger wurde zum Störfaktor eines menschengemachten Systems.

